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Abenteuer Freies Lektorat: erster Erfahrungsbericht

Nachdem ich Anfang des Jahres beschlossen habe, den Schritt in die Freiberuflichkeit zu wagen, habe ich einiges gelernt. Mit allen, die diesen Weg noch vor sich haben, möchte ich meine bisherigen Erfahrungen teilen.

 

Achtung: Ich erhebe hier nicht den Anspruch, vollständig und umfangreich zu beschreiben, auf was angehende freiberufliche Lektoren alles achten müssen. Ich möchte in erster Linie einen Überblick über das schaffen, womit ich mich bisher auseinandergesetzt habe.

Wackelige erste Schritte

Schon vor 2019 habe ich gelegentlich für eine befreundete Selfpublisherin ihre Bücher korrigiert. Die wenigsten Autoren haben genug Geld, um ein Lektorat mal eben aus der Kaffeekasse zahlen zu können. Dabei hat mir als Germanistin und Autorin das Korrigieren und Lektorieren immer Spaß gemacht – und macht es natürlich jetzt noch. Ich tauche gerne in fremde Welten ein und sehe dabei zu, wie ein Buch sich von Grund auf entwickelt.

 

Warum ich nicht einfach lese? Weil ich selten meinen Schweinehund überwinden kann. Und es begeistert mich zu sehen, dass andere Autoren auch nur Menschen sind und kein Manuskript von Anfang an fehlerfrei. (Und das sind sie übrigens auch sehr selten nach einem Lektorat. Auch vier Augen übersehen Fehler, das ist normal. Nur ist bei einem Lektor die Wahrscheinlichkeit, Essenzielles zu übersehen, geringer als bei Laien.)

 

Und als ob ich mit der ersten Veröffentlichung meines eigenen Psychothrillers nicht genug zu tun gehabt hätte, habe ich im Februar beschlossen, Nägel mit Köpfen zu machen. Ich wollte mich offiziell Lektorin nennen können.

 

Die Steuerfrage

Mit Steuern hatte ich zuvor gar nichts am Hut und habe mich brav auf meinen Arbeitgeber diesbezüglich verlassen. Die erste Steuererklärung fiel für mich auch erst dieses Jahr an, so dass ich mit der gesamten Thematik recht überfordert war. Aber da ich mich dank meines neugewonnenen Status als Autorin ohnehin damit auseinandersetzen musste, kam mir das gelegen. Ein befreundeter Steuerberater sagte mir, ich müsse einen sogenannten Fragebogen zur steuerlichen Erfassung ausfüllen und ihn an das zuständige Finanzamt schicken. Motiviert, wie ich war, setzte ich mich direkt dran. Und verstand zum Teil nur Bahnhof.

 

Da musste ich unter anderem angeben, wie viel ich im laufenden Jahr damit verdienen wollen würde. Gute Frage – und ziemlich ambitioniert. Ich hatte keine Ahnung und habe geraten. Wichtig war daneben für mich allerdings, als Kleinunternehmer eingestuft zu werden. Das heißt für mich: Ich darf im ersten Jahr nicht mehr als 17.500 Euro verdienen, sonst muss ich Umsatzsteuer abführen. Die Einkommenssteuergrenze liegt übrigens sehr viel niedriger, aktuell nämlich bei 8.820 Euro.

 

Teilweise musste ich mir trotz Ausfüllhilfen der Ämter Hilfe beim Steuerberater holen, um alle Kreuze entsprechend setzen zu können. Als der Wisch bei der Post war, war ich erleichtert. Es sollte vier Wochen dauern, bis ich meine Steuernummer bekam – kommentarlos.

Ausbau meiner Webseite

Gleichzeitig setzte ich mich daran, meine Webseite neu aufzusetzen. Die war zwar hübsch, aber eben nicht professionell. Es war nicht mein Ziel, stoisch und trocken zu wirken. Aber zu verspielt wirkt eben nicht seriös. Daher habe ich nicht nur das Theme geändert, sondern musste mir auch Gedanken darüber machen, inwieweit das Lektorat die Datenschutzthematik auf meiner Webseite betrifft.

 

Die nächste Frage war: Zu welchen Konditionen möchte ich meine Dienste anbieten? Ich hatte vorher eine Weile recherchiert und gelernt, dass die meisten professionellen Lektoren zwischen vier und sechs Euro pro Normseite nehmen. Das schien mir für den Anfang sehr sportlich und ich beschloss, klein anzufangen.

 

Ein leidiges Thema, mit dem ich mich zudem auseinandersetzen musste, waren die Allgemeinen Geschäftsbedingungen. Die habe ich zugegebenermaßen eine Weile vor mir hergeschoben, nichtsdestotrotz sind sie unerlässlich. Dabei hilft definitiv ein Blick auf die Webseiten anderer Lektoren. Niemand muss das Rad neu erfinden.

Name und Logo mussten her

Natürlich hätte ich meine Marke einfach „Senta Herrmann Lektorat“ nennen können. Aber wenn wir ehrlich sind, ist das doch sehr unkreativ. Die Idee zu „Polarfuchs Lektorat“ kam mir durch einen reinen Zufall, als ich online etwas über diese wunderschönen Tiere gelesen habe. Und der Name war nur halb so problematisch wie das Logo. Ein wenig grafische Kenntnisse kann ich zwar aufweisen, aber ich hatte keine wirkliche Vorstellung.

 

Also habe ich mich dazu entschlossen, eine Ausschreibung auf 99designs zu schalten. Dort haben Designer die Möglichkeit, Designvorwürfe für dein Projekt einzureichen, du kannst sie bewerten und Verbesserungsvorschläge machen. Am Ende wählst du deinen Sieger aus, der bezahlt wird. Das ist nicht die günstigste Variante, aber ich habe viele Logos gesehen und konnte mich für das entscheiden, das mir am ehesten zusagt.

 

Die Zusammenarbeit mit der Designerin war sehr angenehm. Dabei musste ich leider auch die Erfahrung machen, dass andere eher schlechte Verlierer sind und habe auch noch im Nachhinein Nachrichten über das Kontaktformular der Seite bekommen. Trotzdem: Das Logo war gefunden und ich fühlte mich gleich ein wenig professioneller.

Werbetrommel und erste Aufträge

Von nichts, kommt nichts. Das durfte ich nicht nur als Autorin lernen, sondern auch als angehende Lektorin. Auf sozialen Medien machte ich munter Werbung, trat Lektoren- und Vermittlungsgruppen bei und schrieb Postings auf Facebook und Instagram. Mein Vorteil war sicherlich, dass meine inzwischen liebe Freundin Loredana Bursch bereits einige Kontakte als Autorin gesammelt hatte – und ich war in den letzten Jahren ihre Lektorin gewesen.

 

Recht zügig kam ich an drei oder vier Aufträge. Und habe direkt Lehrgeld bezahlt: Die Menge ist auf einmal hart zu bewältigen, vor allem, wenn der eigene Brotjob noch 25 Stunden die Woche frisst. Bereut habe ich es nicht, dafür weiß ich nun, dass weniger manchmal mehr ist. 12-Stunden-Schichten sind uncool, besonders dann, wenn man aus körperlichen Gründen nicht so leistungsfähig ist, wie man gerne wäre.

 

Gleichzeitig fiel mir immer wieder auf, dass ich sehr viel mehr nachschlagen muss, als ich gehofft hatte. Das kostet Zeit. Aber wer eine gute bis sehr gute Arbeit abliefern und sich weiterbilden will, kommt nicht um Recherche herum. Und auch als Germanistin muss ich sagen: Ich musste feststellen, dass das Studium nicht ausreicht, um die Sprache und all ihre Ausnahmeregelungen perfekt zu beherrschen. Im letzten halben Jahr habe ich mehr über Grammatik und Rechtschreibung gelernt als in 7 Jahren Studium.

Auseinandersetzung mit der Künstlersozialkasse

Zunächst hatte mein Kontakt für Steuerfragen mir gesagt, ich müsse mir keine Gedanken um die Krankenkasse und Versicherungen machen, da ich bereits über meinen Arbeitgeber Abgaben zahle. Dass das nicht der Fall ist, habe ich auch erst mit etwas Verzögerung und einiger Recherche festgestellt. Jeder freie Künstler sollte, wenn er sich diesbezüglich nicht sicher ist, bei der Künstlersozialkasse melden. Dabei spielt es nur bedingt eine Rolle, ob bereits Beträge durch einen Brotjob abgeführt werden.

 

Die Beiträge sind bei der KSK niedriger als bei entsprechenden Versicherungen und gesetzlichen Krankenkassen – sofern ich das bisher richtig verstanden habe. Hier kommt es sehr auf den Einzelfall an. Es besteht eine Geringfügigkeitsgrenze, die bei 3.900 Euro im Jahr liegt – allerdings gibt es auch dabei Ausnahmen. Aktuell warte ich noch auf eine Reaktion zu meinem Fragebogen zur Prüfung der Versicherungspflicht.

 

Dafür musste ich unter anderem eine Mitgliedsbescheinigung meiner Krankenkasse und eine Immatrikulationsbescheinigung meiner Universität einreichen. Eine Rolle spielt hier – wie bereits angeschnitten – auch, wie viel der freiberufliche Künstler (worunter auch Lektoren fallen) zu verdienen plant beziehungsweise effektiv einnimmt.

Verband der Freien Lektorinnen und Lektoren

Wenn du denkst, du hast an alles Wichtige gedacht, kommt jemand mit Erfahrung daher und belehrt dich eines Besseren. Auf einer kleineren Buchmesse habe ich eine Kollegin kennengelernt, mit der ich mich eine Weile unterhalten habe. Dann fiel auf einmal das Stichwort: Berufshaftpflicht beziehungsweise Vermögensschaden-Haftpflicht. Innerlich fluchte ich noch während des Gesprächs. Sie erzählte mir von horrenden Preisen und den Vergünstigungen durch den Lektorenverband.

 

Von dem hatte ich zwar bereits gehört und mich auf der Webseite umgesehen – beigetreten war ich aber bis dato nicht, weil ich keinen Mehrwert für mich gesehen hatte. Es ging nach Hause und die Recherche von vorne los. Beim ersten Mal war mir so einiges entgangen – oder als unwichtig erschienen? – was nun äußerst attraktiv wurde. Der VFLL bietet nicht nur eine kostenlose Erstberatung bei rechtlichen Fragen und Hilfe bei Problemen mit der KSK, sondern auch allerhand Vergünstigungen.

 

Für Bücher aus der Dudenreaktion, anderes Lehrmaterial und Seminare, die ansonsten für den kleineren Künstler doch nahezu unerschwinglich erscheinen. Dazu kommt, wie mir bereits mitgeteilt worden war, dass Lektoren über den Verband günstiger an die Versicherung kommen. Dafür musst du bei der Anmeldung allerdings einiges einreichen. Nicht zuletzt musst du nachweisen, dass du wirklich als Lektor arbeitest – und das so professionell wie möglich.

Die Reise geht weiter

Erst vorgestern habe ich die Bestätigung der Aufnahme in den VFLL erhalten und werde jetzt offiziell bei www.lektoren.de im Verzeichnis gelistet. Das Gefühl, kleine Schritte voranzukommen, ist atemberaubend. Und ich bin mir sicher, dass die Reise noch nicht zu Ende ist. Ich hoffe, dass ich euch einen kleinen Einblick in das bieten konnte, auf was ihr als angehender freiberuflicher Lektor achten müsst und was auf euch zukommt. Im Februar habe ich mir das alles noch etwas leichter vorgestellt.

 

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